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In Memoriam - Jürgen Seydel (12.9.1917 - 3.8.2008)

Mitteilung vom 16.09.2017

Gedanken und Erinnerungen zum 100. Geburtstag
des Begründers des Karate in Deutschland


Es war im Januar 1963, als Jürgen in Oberursel einen Einführungslehrgang "Karate und Selbstverteidigung" durchführte, an dem ich mit einigen Schulfreunden teilnahm. Von der ersten Stunde an konnte man spüren, dass Jürgen ein außergewöhnlicher Mann war von großer charismatischer Ausstrahlung. Er verstand es, eine ruhige, freundliche Atmosphäre aufzubauen und bestach mit flinken, geschmeidigen Bewegungen und technischer Brillanz, gepaart mit kompetenten und überzeugenden Erklärungen und Hinweisen. Allen wurde bewusst: Hier ist einer, der sein Metier durch und durch versteht und dies durch klugen Trainingsaufbau optimal vermitteln kann. Diesen Eindruck konnte auch der schlichte Trainingsort, der Vorraum der Aula der Grundschule Nord in Oberursel nicht mindern, eine Turnhalle stand Jürgen nicht zur Verfügung. Wochen später trainierte ich in Jürgens Dojo in Bad Homburg auf dem Steinboden in den Gängen einer alten Schule in der Gymnasiumstraße. Also auch hier keine Turnhalle, weil Karate noch keine offizielle Anerkennung als Sportart hatte. Und genau um dieses Problem ging es Jürgen in der Folgezeit: Durch Dojo Neugründungen mit deutlicher Steigerung der Mitgliederzahlen einen gut aufgestellten Verband (DKB) zu etablieren, um damit ein Anrecht auf Aufnahme in den DSB (heute DOSB) zu dokumentieren. Jürgens Strategie dabei war die Ausbildung von Multiplikatoren. So sagte er mir 1964 ganz beiläufig, aber so, dass Widerspruch sinnlos war, "wenn du an die Uni (Frankfurt) gehst, musst du dort ein Dojo gründen". Er hatte die Idee, über die Anerkennung von Karate im akademischen Bereich die allgemeine Anerkennung durch den DSB leichter erhalten zu können. Und genau das trat dann auch ein, die Anerkennung durch den Hochschulsportverband (ADH) erfolgte 1969, die Mauer der Ablehnung war durchbrochen, und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis der DSB die Aufnahme vollziehen musste.


Jürgens Strategie war somit voll aufgegangen. Von ca. 350 Mitgliedern 1963 in ganz Deutschland stieg die Zahl bis 1967 auf 1350, die Zahl der Dojos von 23 auf 53. Der Grund hierfür lag weniger in der Tatsache, dass Jürgen von Oktober 1959 bis Februar 1960 Elvis Presley trainiert hatte, sicher ein absolutes Highlight in seinem Leben, aber dies sorgte nur kurzzeitig für etwas Wahrnehmung von Karate in der Öffentlichkeit durch Berichte in einigen wenigen Medien. Der wichtigste Grund war Jürgens Plan, mit den großen japanischen Meistern zu kooperieren, allen voran H. Kanazawa, der 1965 mit Kase, Enoeda und Shirai den legendären Bad Godesberger Lehrgang durchführte, ein Meilenstein in der Entwicklung des DKB. In der Folgezeit wurde Kanazawa als Bundestrainer des DKB verpflichtet und bildete auf den großen Lehrgängen viele neue Danträger aus, quasi als Fortführung von Jürgens Multiplikatorenschulung der früheren Jahre.
Jürgen war 1967 nach Usingen gezogen und gründete dort das Jugend-Dojo, wo er bis zum 80. Lebensjahr aktiv als Trainer tätig war. Er hatte sich damit aus der vordersten Reihe zurückgezogen, war aber gleichwohl noch viele Jahre Geschäftsführer des DKB und unser Mentor, der zu vielen Fragen immer eine passende Antwort parat hatte. In Jürgens Nachfolge standen bundesweit nun Dutzende Danträger, die als Trainer, Prüfer und Kampfrichter seine Arbeit weiterführten. Und Jürgen war stolz auf diese neuen Leitfiguren, die rasante Entwicklung erfüllte ihn einerseits mit großer Genugtuung, aber andererseits sah er die Gefahr, dass durch die neue Vielfalt im DKV das Shotokan Karate verwässern könnte, zumal das Kumite Shiai, dem er als Verfechter des original Shotokan Karate von "Shoto", ( Pseudonym von Funakoshi), von ihm eher mit Skepsis betrachtet wurde. Er war
aber klug genug, die Einheit, das alle Verbindende, in der neuen Vielfalt zu erkennen und zu akzeptieren. Schließlich war er weiterhin als Ratgeber sehr gefragt, da er auf vielen Gebieten Kompetenzen hatte: als Sportler, Bewegungsästhet und Selbstverteidigungsexperte. Und er war auch Künstler, Autor, Dolmetscher, ein wahrer Schöngeist, der mit der Philosophie des Budosports vertraut war, eben das darstellte, was einen großen Budomeister ausmacht.


Es gab viele besonders schöne Momente in seinen Karate-Leben: die Verleihung der Ehrendangrade zum 3. Dan durch M. Nakayama 1968 in München, zum 5. Dan 1987 anlässlich der Feierstunde "30 Jahre Karate in Hessen" und die ganz besondere Anerkennung seiner Person und seiner Leistungen durch die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes im Februar 1989 in Usingen, wo Fritz Wendland, Peter Betz, BT Hideo Ochi und ich zu einer kleinen Feier angereist waren. Weitere schöne Momente waren Jürgens runde Geburtstage, die wir Hessen immer ausgiebig mit ihm feierten, wo sich allmählich die ursprüngliche Distanz zwischen Schülern und Meister stetig verringerte. Auch ich, Jürgens rechte Hand in Hessen, brauchte eine ganze Weile, bis ich die Ehrfurcht und Scheu ablegte und wir uns auf Augenhöhe begegneten. Ich hatte seine Freundlichkeit, seine menschliche Wärme auf vielen Begegnungen erfahren, aber so richtig zu den Seydels zugehörig fühlte ich mich erst, als ich Jürgen und seine Frau Ursula des Öfteren besuchte und bei Kaffee und Kuchen die aktuelle Karatesituation erörterte. Da fühlte ich, ich war bei den Seydels wirklich angekommen. Sport kann eben mehr bedeuten, als bloß gemeinsam trainieren. Wer weiß, ob Jürgen bewusst war, was er damals in mir ausgelöst hatte, als er sagte, "du musst an der Uni ein Dojo gründen". Dabei blieb es ja nicht. Er konnte mich für die Aufgabe begeistern, für die offizielle Aufnahme in den LSBH zu kämpfen. Es sollte ein jahrelanger Kampf werden.
Nicht nur ich, sondern alle Weggefährten werden sich in diesen Tagen an diesen außergewöhnlichen Menschen mit Respekt und Zuneigung erinnern. Und diejenigen, für die Jürgen längst "Geschichte" ist, sollten wissen, dass das qualitativ hochwertige Karate im einstigen DKB bis heute im DKV, auch im DJKB, auf Jürgen Seydels richtungsweisende Vorarbeit, seine Vision einer vollkommenen, d.h. einer starken, dynamischen, effizienten und schönen Bewegungs- und Kampfkunst zurück zu führen ist.
Wir verneigen uns in respektvoller Anerkennung vor dem Menschen Jürgen Seydel und seinem Lebenswerk.

Bodo Hauck
Gründungsmitglied und Sportwart des Landesverbandes West im DKB (1968)
Gründungsmitglied und Präsident des Hess. Karate Verbandes im DKB und des Hess. Fachverbands für Karate (HFK) im DKV (1973 bzw. 1978 bis 1997)
und Freund von Jürgen Seydel

Foto 1: Jürgen Seydel mit dem Bundesverdienstkreuz. Personen (v.Li.): Fritz Wendland, Ursula Seydel, Jürgen Seydel, BT Hideo Ochi, Bodo Hauck und unbekannt (mein Foto)
Foto 2: Jürgen i als 70-jähriger im Training im Jugenddojo Usingen (mein Foto)
Foto 3: Diese Foto ist von Norbert Schiffer



Bericht: Bodo Hauck


Hessischer Fachverband für Karate e.V.
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